Wiener Staatsoper, Marina Zvada, Pexels

Sargnagels Opernball

Ich sah ein Buch namens “Opernball” auf einem Couchtisch und wunderte mich: “Opernball” ist doch schon etwas zu alt, um heute noch so plakativ neben Standard, profil und Konsorten auszuliegen. Aber da war meine Assoziation bei “Opernball” von Haslinger, 1995, das einen AUM-ähnlichen Anschlag (auch 1995) beschreibt (allerdings vor dem tatsächlichen Anschlag entstand. Stranger than Fiction indeed.)

Wie auch immer, warum liegt das Buch da: Es ist nicht Haslingers Opernball, sondern Sargnagels.

Wer ist Sargnagel? Eine Standard- und Falter-Kolumnistin, die unter ihrem nom-de-plume besonders in den schicken Kreisen rund um die etablierte Intelligentsia und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in jenen Medien sehr populär ist, die Dinge gern moralisch einordnen und dem gewöhnlichen Publikum helfen zu verstehen, was richtig ist und was falsch. Damit ist auch der plakative Platz auf dem Couchtisch erklärt: Sargnagel lesen ist eine Positionierung auf dem moralischen Siegertreppchen.
Was ist der Opernball? In Österreich ist das sozusagen der zentrale Ball der Ballsaison, der Wichtigste, auf dem alle Schönen, Prächtigen und Mächtigen sich versammeln. (Von daher auch Ziel des Anschlags in Haslingers Buch)

Ton und Stil

Das Buch (Sargnagels) ist leicht und schnell lesbar – sollte an einem Nachmittag durchgehen. Für mich ging es sich leider trotzdem nicht ganz aus, aber ich habe in den letzten Minuten vor dem Aufbruch noch rasch kursorisch in die zweite Hälfte vorausgespickt. Das also im Kopf zu behalten: ich habe nur Teile des Buches gelesen.

Die Rezeption des Buches in den schicken Kreisen ist vorhersehbar überschwänglich (“köstlich”, “herrlich”); mein persönlicher Eindruck war etwas verhaltener; die “Satire” ist für meinen Geschmack zu unsubtil, das Bizarre zu offensichtlich, das transportierte Urteil zu, österreichisch gesagt, “eh-kloar”.  

Positiv anzumerken ist die sichtliche Self-Awareness der Autorin, die sehr deutlich ausdrückt, wie sich die Semi-höfische Gesellschaft mit ausgewählten Künstlern schmückt. Es ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, den eigenen Star-Status wahrzunehmen, gerade wenn man sich eigentlich als Außenseiter und Ally für Unterprivilegierte positioniert und diesen Status auch vom Publikum und den eigenen Kollegen zurückgespiegelt bekommt.

Die Handlung

Es geht um einen Opernball-Besuch der Hauptfigur gemeinsam mit zwei (von mir als sympathisch gelesenen) Begleitpersonen, einer anarchisch-kratzbürstigen Kellnerin und einem belesenen Museumswächter. Sie “schleichen” sich mit billigen Kleidern und aus dem Theater geborgter Maskenbildnerei, aber gültigen Eintrittskarten, in den Opernball ein. Dort saugt der eine die Atmosphäre ein und teilt Insiderwissen, die andere macht (durchaus unterhaltsam) Stunk, während die Hauptfigur unabsichtlich die eigenen Grenzen zur High Society aus dem Blick verliert, was sich neben ihren eigenen Metamorphosen im Laufe des Abends schließlich auch darin ausdrückt, dass sie von den ORF-Schickimicki-Reportern als “Star” erkannt, aber von der tatsächlichen Arbeiterklasse, mit der sie sich bewusst noch immer identifiziert, als Fremdkörper abgelehnt wird.

Am Ort des Geschehens trifft das Trio jedenfalls auf unzählige Exponenten der Elite oder jener, die sich dafür halten, darunter auch namentlich genannte Personen des öffentlichen Lebens bzw. des ehemaligen öffentlichen Lebens. Es kommt, wie zu erwarten, zu Konflikten zwischen den Fakern und Posern mehrerer Schichten des kleingeistigen “Wir sind jemand” Prestigehungers und den “echten” Menschen der Arbeiterklasse, wobei, wie erwähnt, die Grenzen zu verschwimmen beginnen – was sich auch in einigen skurrilen Szenen ausdrückt.

Fazit

Ich trage leichte psychische Opernball-Narben aus ehemaligen beruflichen Kontexten, daher kann ich das Ganze nicht ganz unvoreingenommen betrachten, und ich habe das Buch nur zu etwa 60% gelesen, also ist dieses Fazit nicht der Weisheit letzter Schluss.

Aus meiner Sicht ein guter Versuch, sich dem Thema Pseudo-Elite satirisch anzunähern, wenn man davon absieht, dass die Autorin erstens einem Lager zugehört und daher nur die Hälfte der Schickimickis aufs Korn nimmt (aber gut, jemand muss das Buch ja auch kaufen, also kann man nicht gegen alle schießen) und es sich zweitens stilistisch sehr accessible anfühlt. Ich mag es, wenn man über ein Buch auch ein bisschen nachdenken muss. Dieses Buch eckt zu wenig an, es ruft, was alle rufen, es greift die an, die alle angreifen, es macht sich über die lustig, über die sich alle lustig machen. Wo ist die Herausforderung? Was ist neu? Was bleibt in Erinnerung?

Aber dann: ich bin nicht die Zielgruppe, und ich muss auch keine Bücher verkaufen, schon gar nicht auf dem engen österreichischen Markt. Bestätigung ist auch ein Wert.
Unterm Strich ist das Buch in Ordnung.

Foto: Marina Zvada, Wiener Staatsoper

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