Buchempfehlung: Lyonesse

Zuerst ein kleiner Exkurs:

Wer Dungeons & Dragons spielt, kennt die sogenannte “Vancian Magic”: Das Magiesystem, laut dem sich ein Zauberer einen Spruch jeden Tag neu einprägen muss; spricht er ihn aus, ist er vergessen. Entsprechend eifersüchtig müssen die Zauberer ihre Zauberbücher hüten, und umso eifriger versuchen sie, einander ihre Aufzeichnungen zu entreißen. Die meisten Spieler finden dieses System unnötig schwierig und unrealistisch, und wünschen sich eher so etwas wie einen Mana-Pool, und wollen ihre Sprüche ganz einfach können — schließlich haben sie sie ja schon gelernt, und wer will jeden einzelnen Tag seines Lebens erneut die Schulbank drücken?

Das System ergibt sehr viel mehr Sinn, wenn man weiß, woher es kommt: Aus den “Dying Earth” Romanen von Jack Vance, (Vance, Vancian… klar?) Geschichten aus einer hoffnungslosen Zukunft unter einer erlöschenden Sonne. Nicht ist hier von Dauer, man lebt von geborgter Zeit, das Ende der Welt kann jeden Tag eintreffen. Und neben dem Leben der normalen Menschen herrscht ein geheimer, gnadenloser Kampf zwischen Zauberern, die trotz des nahen Endes immer noch versuchen, einander fertigzumachen.

Klingt verrückt, ist aber ein sehr cleverer Zerrspiegel für uns Menschen.

Nun aber zum Thema:

Nach einem sehr kurzen zweiten Exkurs: Jack Vance hat nicht nur “Dying Earth” und den recht beliebten Antihelden “Cugel the Clever” geschrieben, sondern auch noch mehrere weitere Geschichten und Romane — darunter “Lyonesse”; eine früher äußerst bekannte Serie, die in unserem Jahrhundert ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Mythische Lande

Der Titel, Lyonesse, bezieht sich auf ein mythisches Land auf einer ebenso mythischen Insel im Atlantik, von dem in einigen britischen Überlieferungen die Rede ist. Es wird ab und zu erwähnt als die Heimat von Helden, die von irgendwo nach Britannien übersetzen. Von manchen wird Lyonesse mit der “Bretagne” gleichgesetzt, von anderen mit Atlantis, oder mit irgendwelchen anderen Orten. Die Ähnlichkeit mit Atlantis ist verblüffend, denn Lyonesse wurde am Ende vom Meer verschlungen … mit dem einzigen Unterschied, dass Atlantis schon tausende Jahre vor Christus untergegangen sein soll, Lyonesse aber erst ca. 500 AD.

Bei Jack Vance ist Lyonesse nicht ein mythisches Irgendwo, sondern Haupt- und Handlungsort einer Fantasy-Romantrilogie. Es ist nur eines von mehreren Ländern auf einer großen Inselgruppe, den Elder Islands, unweit der französischen und galizischen Küste. Die Länder dort sind den europäischen in vieler Hinsicht ähnlich, inklusive schwieriger Beziehungen, Machtstreben, Aufrüstung, Spionage und Mord. Sie stehen in Beziehung mit dem echten Europa, unterhalten Botschaften und werden von Missionaren besucht, die versuchen, die Elder Isles zu christianisieren; dabei kommen die Missionare, wie man anmerken muss, nicht besonders gut weg; sie verstehen sich blendend mit den unangenehmsten Charakteren auf den Inseln.

Politik und andere Gemeinheiten

Lyonesse selbst ist England sehr ähnlich, hat Probleme mit Piraten und steht in Todfeindschaft mit dem jenseits einer Meerenge gelegenen Troicinet, Frankreich recht ähnlich. Doch wie gesagt, es handelt sich nicht um einen Fantasy-Ersatz für reale Politik, sondern es gibt auch das echte England und das echte Frankreich.

Lyonesse, Dahaut, Godelia, und wie die Länder alle heißen (darunter Avallon, das bis heute vielleicht bekannteste “fremde Land” aus den Sagen um Artus, Merlin, Morgane & Genossen), sind eine verdichtete Landschaft, in der unterschiedliche Interessen noch intensiver und noch drastischer aufeinanderprallen als in der echten Weltgeschichte.

Dazu gibt es auf den Inseln Feenwesen und Nymphen, Goblins mit ihren Goblin Markets, und — wie man es von Jack Vance’s berühmteren Werk kennt, eine geheime Klasse von Zauberern, die abseits der normalen Menschen wohnen und einander mit Tricks und Schweinereien in die Knie zu zwingen versuchen, einander tödliche Fallen stellen und gut verteidigte Eigenheime angreifen, Diener foltern, etc, um an Zauberbücher und magische Gegenstände zu kommen, dadurch mächtiger zu werden und die Macht des anderen zu brechen.

Lyonesse, Troicinet & Co sind der Gesellschaft in den Artussagen nicht unähnlich, jedoch ein Stück weiter entwickelt und womöglich in gewissem Sinne “zivilisierter” als das Europa jener Zeit. Durch den Mix aus beinharter Realpolitik, Feenzauber und magischen Geheimkriegen malt Jack Vance das Bild einer verzauberten Welt voller Gefahren, in der trotzdem auch Edelmut, Liebe und Gutherzigkeit irgendwie bestehen und wahre Helden ihr Möglichstes tun, um fiese Widerlinge wie etwa den König von Lyonesse vom Triumph der Unterwerfung aller Nachbarländer abzuhalten.

Leseempfehlung — für Ästheten

Ich will keine Inhalte spoilern, sondern die Bücher empfehlen. Sie sind nicht jedermanns Sache, da sie weniger auf Action oder dramatische Schwertkämpfe setzen, und auch die Magiersprüche keine gewaltigen Explosionen verursachen; stattdessen setzt Jack Vance auf Atmosphäre und intensiv geschilderte, sehr lebendige Persönlichkeiten mit Stärken, Schwächen, Fehlern und guten Seiten, die langsam anfangen, ehe sie zu besonderen Augenblicken dramatische Spannung aufbauen; Zauberer arbeiten subtil, sie töten letztlich mit Mitteln, die sich auch durch gewöhnliche Vorkommnisse erklären lassen.

So manche Abzweigung, die Geschichten nehmen, sind tragisch und unglücklich. Der Weg zum Triumph des Guten ist steinig. Und letztlich, das wissen wir von Anfang an, ist alles Streben, Kämpfen und jeder fiese Trick umsonst, denn eines Tages werden die Inseln im Meer versinken, und welcher König wo regiert, ist dann, so wichtig es im Moment auch scheinen mag, ganz einerlei. Dieses Thema kennen wir von Jack Vance ja…

Die Bücher wirken, wenn man sich auf sie einlässt und sich Zeit für sie nimmt. Wer es tut, wird Einblick in eine wirklich magische Welt gewinnen.

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Bild: Pexels / Mike

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